Saturday, 13. August 2005
Dalai Lama in Zürich - Resumee
| Es ist vorbei. An acht aufeinanderfolgenden Tagen hatte das geistige und politische Oberhaupt der Tibeter seine Unterweisungen vorgenommen. Die dazu bevorzugten Texte des Dalai Lama stammten aus dem 8. beziehungsweise 9. Jahrhundert: "Bodhicaryavatara" von Shantideva und "Bhavanakrama" von Kamalashila. Im heutigen Tages-Anzeiger schreibt Hugo Stamm im Kommentar: "... Hoch anrechnen muss man ihm, dass er im Hallenstadion keinen Lifestyle- Buddhismus zelebrierte. Im Gegenteil. Er bediente die Sehnsüchte vieler westlicher Sucher nach dem spirituellen Kick nur bedingt. Seine Unterweisungen waren über weite Strecken staubtrocken und komplex. Damit raubte er allfällige Illusionen, die Erleuchtung springe vom Dalai Lama auf sie über. Es gab keine Diskurse, keine Diskussionen. Der Dalai Lama monopolisierte Wissen und spirituelle Erkenntnisse. Allein seine physische Präsenz war für die Zuhörer ein mystisches Ereignis ..." Š Tages-Anzeiger; 13.08.2005; Seite 1 Hugo Stamm trifft den Nagel auf den Kopf! Denn ich war auch dort und lauschte den Ausführungen des Dalai Lama. Den Mittwoch empfand ich genau so wie Marc Zollinger, welcher jeden Tag im Tages-Anzeiger sein DALAI ? LAMA ? TAGEBUCH veröffentlichte. Am Donnerstag also schrieb er über den Mittwoch: |
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Die drei Stufen - Von Marc Zollinger
Täglich besuchen rund 8000 Seelen das grosse Fahrzeug Hallenstadion. Das heisst: 8000 "Ichs", 8000 unterschiedliche Perspektiven auf den Dalai Lama und 8000 Wege, wie man auf seine Unterweisung reagieren kann. Diese 8000 Einheiten lassen sich gemäss Nachbar Manfred in drei Stufen einteilen: Ein Drittel der Besucherinnen und Besucher hat Freude; ein Drittel muss hart arbeiten, und ein Drittel leidet.
Das Leiden kommt daher, dass hier ganz schön viel abverlangt wird. Der tibetische Buddhismus, den der Dalai Lama im Stadion lehrt, hat nichts mit leicht verdaulicher Lebenshilfe, mit Lifestyle zu tun. Er ist höchst komplex und intellektuell. Er handelt von Logik, von Dialektik. Er besitzt eine eigene Sprache, mit der Gefühle und Begriffe fein säuberlich seziert werden. Der Kopf ist gefordert, und selbst jene Elemente dieser Weltsicht, die die Gefühle, das Herz ansprechen, etwa die Rituale, verlangen viel Vorstellungskraft, sind klar strukturiert. Wer sich demnach nur für Buddhismus interessiert oder für den Dalai Lama, hat sich mit acht Tagen zu viel aufgebürdet und leidet, spätestens ab dem dritten Tag.
Manfred, der sich seit 20 Jahren mit Buddhismus beschäftigt, gehört zur Stufe eins. Denn er lächelt immer wieder und scheint nicht überfordert zu sein. Jedenfalls beantwortet er mir fast jede Wissensfrage. Als Buddhist weiss er aber auf meine bewundernden Worte zu reagieren: "Na, na, ich habe keine Ahnung, am ganzen Gebäude hängt wissensmässig viel mehr dran, als ich mir vorstellen kann. Aber ich kann gut erzählen." Und er bemühe sich.
Giuisi beweist, dass Klassifizierungen nur bedingt sinnvoll sind. Sie gehört nämlich allen drei Stufen an. Obwohl auch sie gegen 20 Jahre Erfahrung mit dem Buddhismus hat, fühlt sie sich von der Fülle der Informationen überfordert (Stufe 3), versucht diese aber so gut wie möglich aufzunehmen (2), und sie freut sich ungemein, dass sie im Stadion sein kann (1). Es bedeutet für sie nämlich "ein grosses Geschenk", während über einer Woche Bestandteil einer Gemeinschaft zu sein, die nicht Zerstreuung sucht, sondern Sinn und innere Wege, Glück und Frieden. Alle 8000 auf ihre Weise.
Š Tages-Anzeiger; 11.08.2005; Seite 13
Sein ganzes Tagebuch widerspiegelt diesen Anlass absolut treffend, ich könnte es nicht besser einfangen. Z.B. auch das Kapitel "Saftwurzel und Knäckebrot".
Noch eine Bemerkung: In meinem Blog werden alle Zitate jeweils in kursiver Schrift dargestellt. Weil dies bei längeren Texten eher mühsam zu lesen ist, sind die Zitate von Marc Zollinger ausnahmsweise in normaler Schrift gehalten.
Das gesammte DALAI ? LAMA ? TAGEBUCH gibt es hier:
DALAI ? LAMA ? TAGEBUCH
Š Tages-Anzeiger; 06.08.2005; Seite 11
Im grossen Fahrzeug - Von Marc Zollinger
Erst einen Tag bin ich hier im Hallenstadion, und schon ist das Notizbuch voll. Das ist kein Gottesdienst, keine Kirche, sondern eine Universität. Gelehrt werden: die vier Pfade der Erleuchtung, das Prinzip der Leerheit, Bodhicita, Karma, das grosse Fahrzeug. Solche Sachen. Die Frau in der vorderen Reihe sagt: “Echli chopflaschtig.” Manfred dagegen, mein Nachbar, hält alles für sehr verkürzt. “Das sind Grundlagen”, sagt er. Für ihn wird es erst in den kommenden Tagen spannend. Manfred ist seit 20 Jahren Buddhist, das ARD hat ihn deswegen erst kürzlich gefilmt. Guisi wiederum, die Frau zu meiner Rechten, hält die Materie für kompliziert. Es sei anstrengend, bei der Sache zu bleiben. Und das sei auch, was sie von Tag eins gelernt habe: “Wir Menschen lassen uns heutzutage schnell ablenken.” Der Geist wandert, der Blick schweift ab, da und dort nickt einer ein. Dies vor allem nach dem Mittagessen, als die Luft in der Halle schlechter wird. Joshua dagegen, zwei Sitze neben mir, ist hellwach. Er liest konzentriert in seinem Buch. “Die wilden Fussballkerle.” Der Junge ist 10 Jahre alt. Seine Eltern, Günter arbeitet als Manager, Rachel als Kindergärtnerin, beschäftigen sich schon sehr lange mit dem Buddhismus. Hildegard, eine Reihe dahinter, interessierte sich bisher mehr für Schamanismus. Wenn der Dalai Lama betet, hört sich das für sie an wie der Singsang eines Indianerhäuptlings. Hildegard erschien zu spät, weil sie lange in der Schlange vor dem Stadion stehen musste. “Das war eine gute Möglichkeit, Gelassenheit zu üben.”
Wir alle sitzen auf der Tribüne, mitte links, Sektor V1. Der Raum wirkt von hier gesehen wie der Rumpf eines Schiffes. Es ist ein grosses Fahrzeug, mit 8000 Passagieren.
Š Tages-Anzeiger; 08.08.2005; Seite 11
Himmel, Hölle oder Erleuchtung - Von Marc Zollinger
Sie kommen von überall her. Aus dem Ausland, aus dem Inland. Sie sind Nonnen, Mönche, Tibeter, Buddhistinnen, Nicht-Buddhisten, Dalai-Lama-Fans, Gottlose, Christen, Journalisten, Suchende, ganz allgemein. Was sie verbindet. Letzteres und vor allem: Die weisse Stofftasche, die zu Beginn des Teachings abgegeben wurde. Die meisten der Besucher tragen sie mit sich, verzichten auf Individualität, zumindest im Bereich der Aufbewahrung der persönlichen Dinge. Morgens macht sich die Karawane der weissen Taschen auf den Weg ins grosse Fahrzeug, ins Hallenstadion. Die Züge, Trams, sind voll damit. Ja ganz Oerlikon. Mittags selbst der Burger King. Das macht uns zu Komplizen. Wir kommen schnell ins Gespräch, sagen Du, sprechen leise, zwinkern uns zu.
Die Frau in Grau und der Mann in Beige jedoch, die vor dem Stadion stehen und Zettel mit der Aufschrift “Gott oder Buddha?” verteilen, sehen das anders. Fundamental anders. Sie blicken drein, als ob sie gerade gezwungen worden wären, einen Drachen mit Mundgeruch zu küssen. “Ist es wirklich so schlimm, sich den Dalai Lama anzuhören?”, frage ich. “Es kommt halt drauf an, ob Sie in den Himmel oder in die Hölle kommen wollen.” Das gibt mir immerhin die Gelegenheit, die zentrale Lehre Seiner Heiligkeit gleich selber anzuwenden. “Ich wünsche Ihnen alles Gute”, sage ich. Und zwar mit viel Mitgefühl. Und der Mann mit den drei niedlichen Hunden, der unweit davon Flöte spielt, erhält eine milde Gabe. Er zeigt, wie auch der blinde Drehorgelspieler gleich beim Haupteingang, ein gutes Gespür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Gäbe es nun im Hallenstadion ein ZSC-Spiel zu verfolgen und nicht eine Unterweisung des geistigen Oberhaupts der Tibeter, sähen ihre Verdienste etwas anders aus.
Inzwischen sind drei Tage Belehrung vorbei. Der Dalai Lama ist nun daran, das Buch von Shantideva auszulegen, einem Königssohn und Mönch, der im 8. Jahrhundert in Südindien gelebt hat (und nicht in Shantytown an der Sihl). Es sind, wie es im Untertitel heisst, “Anleitungen auf dem Weg zur Glückseligkeit”. Das klingt viel versprechend und wunderbar. Kein Wunder, handelt es sich um einen der meistzitierten und -rezitierten buddhistischen Texte. Es geht darum, seine ganze Kraft dem Wohl der Menschen zu widmen, grosszügig, geduldig, mitfühlend zu sein, Leiden und Ungerechtigkeit zu überwinden. Wer das realisiert hat, ist erleuchtet und muss nicht mehr auf die Welt kommen. “Ein langer Weg”, sagt Nachbar Manfred. Allein der Komplex des Leidens umfasse sehr viel Arbeit. “Denn bevor man das Leid der anderen lindern kann, muss man erkennen, dass man selber leidet. Man muss also Mitleid mit sich selber entwickeln.” Giusi, die Nachbarin zur Rechten, sagt: “Wir Menschen gehen oft sehr hart mit uns selber um.” Joshua der Fünftklässler liest derweil sein zweites Buch. Er lächelt.
Š Tages-Anzeiger; 09.08.2005; Seite 12
Saftwurzel und Knäckebrot - Von Marc Zollinger
Gäbe es im Hallenstadion einen Oscar für die beste Nebenrolle, der Herr Spitz bekäme sie. Christof Spitz aus Hamburg, 50-jährig, übersetzt die Ausführungen des Dalai Lama ins Deutsche. Manchmal muss er sehr lange warten, zehn Minuten, eine Viertelstunde, bis er übernehmen kann. Dann spricht er, erklärt, führt aus, wie am Schnürchen, macht keine Rast. Und das mit klaren, einfachen Worten, ganz ohne Hast. Mit jedem Satz signalisiert er: Hier spricht die Kompetenz.
Christof Spitz leitet Seminare über Buddhismus und übersetzt. Seit 15 Jahren steht er jeweils an der Seite des Dalai Lama, wenn sich dieser im deutschsprachigen Raum aufhält. Das erzählt er mir, als wir uns über Mittag kurz an der Sonne treffen. Ich greife zum Bleistift, und der Übersetzer räuspert sich, wie er das auf der Bühne sehr oft macht, und packt ein Schweizer Halsbonbon aus. Die Stimme! Sie scheppert schon bedenklich. Die Bänder seien ausgeleiert, erklärt er. Schuld sei wohl das viele und falsche Sprechen. Früher, in der Zeit, als er öfter ohne Mikrofon auftrat, hat er die Stimme zu sehr gepresst. Jetzt ist sie “schwach und belegt”. Noch trägt sie. Es bleiben vier Tage.
Den Dalai Lama hält Spitz für einen einzigarti- gen buddhistischen Meis- ter. Wie er die Dinge er- kläre, sei schon bemer- kenswert: der Tradition verbunden, aber stets mit Bezugnahme auf die heu- tige Gesellschaft. “Er ist sehr offen, sehr inspirie- rend.” Als er das sagt, kommt eine Frau auf ihn zu. “Klasse, wie Sie das machen!” Spitz nickt. Auch mein Lob nimmt er wortlos entgegen. “Freuen Sie sich nicht?”, frage ich. “Doch, doch, Lob ist in Ordnung.” Aus buddhistischer Perspektive müsse man aber vorsichtig sein, da es zu Stolz und Überheblichkeit führen könne.
Der Dalai Lama und Herr Spitz sind ein Traumpaar. Saftwurzel und Knäckebrot. Der eine kratzt sich, rückt die Dächlikappe zurecht, lässt den Körper pendeln, und während er so in Bewegung ist, ruht er in sich selbst. Spitz sitzt zu seinen Füssen, voll konzentriert, Knie zusammengeklemmt, Schultern eingezogen, die Rechte auf den Notizen und die offene Linke vor dem Herzen. Und so pendelt der Tag im Hallenstadion zwischen ihnen hin und her. Der eine spricht lange, der andere nicht minder. Das kann dann ganz heiter werden. Dann nämlich, wenn der Vorredner mit Ungeduld den Herrn Spitz fixiert, dieser aber kein Pardon kennt, nicht reagiert, starr aufs Papier schaut, den Job macht, den Gedanken zu Ende bringt. Der Dalai Lama presst derweil die Handflächen zusammen. Slapstick.
Š Tages-Anzeiger; 10.08.2005; Seite 17
Die Suche nach der geistigen Ruhe - Von Marc Zollinger
Während der Unterweisungen herrscht ein einfaches Prinzip. Das heisst ein dualistisches. Entweder spricht der Dalai Lama oder Übersetzer Spitz. Spricht Spitz, haben all jene Pause, die nicht Deutsch verstehen. Das ist etwas weniger als die Hälfte der Besucher. Spricht der Dalai Lama, hat die andere Hälfte freie Zeit. Man gewöhnt sich schnell an diesen Takt. Lernt, ihn auch zu schätzen, gibt er doch die Gelegenheit, das soeben Gehörte zu vertiefen, zu überdenken, zu hinterfragen. Oder sich zu überlegen, was man fürs Nachtessen einkaufen will.
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, diese Pausen zu füllen. Nachbarin Giuisi versuchts mit Leere. Sie beobachtet, wohin die Gedanken wandern wollen, jagt sie, versucht den Geist zu beruhigen. Manfred beschäftigt ihn. Er liest. Das blaue Büchlein, das wir zu Beginn der Veranstaltung erhalten haben, ist sein roter Faden in diesen Tagen. “Die mittleren Stufen der Meditation” heisst es, geschrieben von Acharya Kamalashila, einem indischen Gelehrten, der seine Schriften auf Tibetisch verfasste und dadurch beitrug, Buddhas Lehre in Tibet zu verbreiten. Auf wenigen Seiten sei darin das Gebäude des Buddhismus gezeichnet, erklärt mir der deutsche Gelehrte Manfred. Andere halten sich in diesen Pau- sen den Operngucker vor die Augen. Oder machen sie zu. Als Entspannung, zum Meditieren, für ein Nickerchen. Ich beschäf- tige mich dann meistens mit der Zukunft. Mein Gott! Was soll ich bloss schreiben? Was auswählen aus dieser Fülle von Gedanken, Begriffen und Begegnungen. Wird es mir gelingen, niemandem Schaden und Leid zuzufügen? Wie kann ich mit dem Text die Menschen glücklich machen? Wie in allen Wesen das Mütterliche sehen? Wie eine universelle Verantwortung entwickeln? Und wie kapiere ich endlich, dass letztlich alles leer ist? Glücklicherweise werde ich von solchen Gedankenzentrifugen jeweils bald wieder herauskatapultiert: Ein Kind weint, eine Frau läuft die Treppe hoch, ein Tibeter schnürt seine Sonntagstracht, der Dalai Lama lacht, vom Wandelgang dringt Geruch von gebratenem Fleisch in die Halle herein. Dann denke ich: Was koche ich bloss zum Nachtessen?
Und als ich das so denke und dann gleich denke, dass ich wohl wieder etwas zu viel denke, erreichen wir das Kapitel 8 in Shantidevas “Anleitung zur Glückseligkeit”, wo es im vierten Abschnitt heisst:
“Die von geistiger Ruhe durchtränkte Klarheit überwindet die Leiden schaffenden Emotionen vollständig; dies wissend, sollten wir zuerst nach der geistigen Ruhe suchen. Dies wird durch Nichtverhaftetsein mit dieser Welt und durch echte Freude erreicht.”
Š Tages-Anzeiger; 11.08.2005; Seite 13
Die drei Stufen - Von Marc Zollinger
Täglich besuchen rund 8000 Seelen das grosse Fahrzeug Hallenstadion. Das heisst: 8000 “Ichs”, 8000 unterschiedliche Perspektiven auf den Dalai Lama und 8000 Wege, wie man auf seine Unterweisung reagieren kann. Diese 8000 Einheiten lassen sich gemäss Nachbar Manfred in drei Stufen einteilen: Ein Drittel der Besucherinnen und Besucher hat Freude; ein Drittel muss hart arbeiten, und ein Drittel leidet.
Das Leiden kommt daher, dass hier ganz schön viel abverlangt wird. Der tibetische Buddhismus, den der Dalai Lama im Stadion lehrt, hat nichts mit leicht verdaulicher Lebenshilfe, mit Lifestyle zu tun. Er ist höchst komplex und intellektuell. Er handelt von Logik, von Dialektik. Er besitzt eine eigene Sprache, mit der Gefühle und Begriffe fein säuberlich seziert werden. Der Kopf ist gefordert, und selbst jene Elemente dieser Weltsicht, die die Gefühle, das Herz ansprechen, etwa die Rituale, verlangen viel Vorstellungskraft, sind klar strukturiert. Wer sich demnach nur für Buddhismus interessiert oder für den Dalai Lama, hat sich mit acht Tagen zu viel aufgebürdet und leidet, spätestens ab dem dritten Tag.
Manfred, der sich seit 20 Jahren mit Buddhismus beschäftigt, gehört zur Stufe eins. Denn er lächelt immer wieder und scheint nicht überfordert zu sein. Jedenfalls beantwortet er mir fast jede Wissensfrage. Als Buddhist weiss er aber auf meine bewundernden Worte zu reagieren: “Na, na, ich habe keine Ahnung, am ganzen Gebäude hängt wissensmässig viel mehr dran, als ich mir vorstellen kann. Aber ich kann gut erzählen.” Und er bemühe sich.
Giuisi beweist, dass Klassifizierungen nur bedingt sinnvoll sind. Sie gehört nämlich allen drei Stufen an. Obwohl auch sie gegen 20 Jahre Erfahrung mit dem Buddhismus hat, fühlt sie sich von der Fülle der Informationen überfordert (Stufe 3), versucht diese aber so gut wie möglich aufzunehmen (2), und sie freut sich ungemein, dass sie im Stadion sein kann (1). Es bedeutet für sie nämlich “ein grosses Geschenk”, während über einer Woche Bestandteil einer Gemeinschaft zu sein, die nicht Zerstreuung sucht, sondern Sinn und innere Wege, Glück und Frieden. Alle 8000 auf ihre Weise.
Š Tages-Anzeiger; 12.08.2005; Seite 14
Victor, der Chinese - Von Marc Zollinger
Es gibt im Hallenstadion kaum jemanden, der den Dalai Lama besser kennt als Victor Chang, 60- jährig, Autor und seit sechs Jahren der Schatten seiner Heiligkeit. Chang begleitete ihn auf seinen Reisen nach Indien, Japan, Europa, fuhr mit ihm Zug und Auto, beobachtete, wie er die Zähne putzt, wie er um 3.30 Uhr aufsteht, wie er meditiert, wie er fernsieht. Er sei, sagt Chang, sozusagen die Fliege an der Wand. Oder: der schreibende Manuel Bauer. Chang stammt aber nicht aus Winterthur. Er ist Chinese. In Hongkong geboren. In einer Stadt, in der Geld Gott sei.
Ich treffe Victor Chang im Foyer des Hallenstadions. Er besitzt einen 8- Tages- Pass, gehört aber nicht zu den eifrigsten Schülern. Es sind nicht so sehr die offiziellen Anlässe, die ihn interessieren. Dort kommt nicht die ganze Spannweite der Persönlichkeit des Dalai Lama zum Tragen: der 10- jährige Bub, spontan, humorvoll, frei wie der Wind, und der 100 ? jährige Gelehrte, weise, wissend, kraftvoll.
Chang hatte am Mittwoch Signierstunde. Die deutsche Übersetzung seines Buches ist gerade erschienen. Es ist das neuste Werk über den Dalai Lama, geht allerdings in der Flut der Publikationen unter: Ganze zwei Unterschriften konnte er geben. Schade. Das Buch besitzt zwar den wohl hässlichsten Umschlag aller Dalai- Lama- Bücher, es ist aber das beste, das ich bisher gelesen habe. Mit einer wunderbaren Leichtigkeit geschrieben, vermittelt es auf wenigen oten und Episoden, ein präzises Bild des Menschen und seiner Lehre. Chang schafft es sogar, mir das Prinzip der Leerheit so zu erklären, dass ich es zu verstehen glaube. Chang ist der andere Herr Spitz: Auch er ist Übersetzer.
1972 traf Victor Chang den Dalai Lama zum ersten Mal ? bei einer Audienz in Dharamsala. Kurz zuvor war Chang in Afghanistan gekidnappt worden, konnte jedoch flüchten. Chang war der erste Chinese, mit dem der Dalai Lama nach seiner Flucht aus Lhasa sprach. “ Hassen Sie die Chinesen? “ , fragte er.
“ Die Begegnung transformierte mein Leben “ , sagt er heute. Statt Mediziner zu werden wie seine Brüder, verbrachte er die folgenden zehn Jahre in Tibet, marschierte über 200 Pässe, schrieb Reisebücher, widmete sich heiligen Bergen.
Manche Leute dächten wohl, der Dalai Lama sei etwas simpel, sagt Chang. “ Liebe, Verzeihen, Mitgefühl, wiederholt wie ein Mantra, können tatsächlich ihre Bedeutung verlieren. “ Wenn man aber, wie Chang, die Gelegenheit hat, den Menschen dabei zu betrachten, erkennt man etwas Wichtiges: Die Kraft hinter den Worten. “ Jede Zelle seines Körpers meint das, was er sagt. Und so bekommt man das, was er sagt, vor allem zu spüren. “ Und das, was dies bei ihm selbst ausgelöst hat, glaubt Chang, hofft Chang, passiert irgendwann auch dem offiziellen China.
Dalai Lama mit Victor Chang: Die Weisheit des Verzeihens. Gustav- Lübbe- Verlag. 30.10 Fr.



